Mutmaßungen über die Sexualität von Männern scheinen der neue Trend zu sein. Jeder hört oder liest tagtäglich den Satz „Der ist doch schwul!“ Beispielsweise wissen wir dank Googles Suchvorschlägen, dass die Begriffe „Philipp Lahm“ und „schwul“ sehr häufig in Verbindung gebracht werden und „Steffen Seibert“ den Suchbegriffen zufolge auch „schwul“ sein sollte. Nur in einem Punkt scheint Einigkeit zu herrschen: „Dieter Bohlen“ und „schwul“ passen einfach nicht zueinander. Aber weshalb interessiert uns das alles eigentlich?
Das Interesse an der Spekulation um die Sexualität von Männern scheint ungebrochen zu sein: Ein Mann mit Stoffbeutel und Röhrenjeans kommt auf der Straße entgegen. Wahrscheinlich ist er schwul. Oder würde ein Hetero so rumlaufen? Braun gebrannte Männer mit engem Muskelshirt und athletischem Oberkörper – wahrscheinlich sind sie schwul. Oder würde sich ein Hetero so präsentieren? Im Freibad sonnen sich zwei Männer mit knapp geschnittener Badehose. Sind sie schwul? Ein Hetero würde doch zumindest weite Boxershorts tragen!
Rasierte Achseln? Schwul! Weiche Gesichtszüge? Schwul! Lange Wimpern? Schwul! Ein Mann im Unterwäscheladen? Schwul! Ein Mann, der im Kino weint? Hundertprozentig schwul! Und wer erinnert sich nicht an die blauen Kaschmirpullover des Bundestrainers Jogi Löw, seinen stilsicheren Geschmack und sein gepflegtes Äußeres? Da muss doch das Gaydar ausschlagen!
Erstaunlich, wie einfach wir die Welt kategorisieren. Unsere Wahrnehmung ist von Vorurteilen und Stereotypen geleitet, die sehr schnell zu einer bestimmten Meinung oder Einstellung gegenüber anderen Personen führen. Doch lässt sich unsere Umwelt auf vereinfachte Annahmen reduzieren? Warum interessieren wir uns brennend für die Sexualität Anderer?
Diese Fragen zielen auf die gesellschaftliche Norm ab, in der die Grenzen zwischen Homosexualität und Heterosexualität verhandelt werden. Indem eine andere kulturelle Norm als fremd oder andersartig deklariert wird, bestätigt sich jeder seiner eigenen Identität. Das Beschäftigen mit anderen Menschen dient also dem Erhalt und der Bestätigung des eigenen (konservativen) Bildes einer Gesellschaft, indem das Fremde und Andersartige, das den normativen Mainstream in Frage stellt, ausgegrenzt wird.
Sind die Fußballer der Nationalmannschaft nun überwiegend schwul, wie es die Suchanfragen vermuten lassen? Wir wissen es nicht. Falls ja, dann hätte das Schwulsein einen weitreichenden Einfluss auf die Gesellschaft, denn immerhin gelten Fußballer bis in die hintersten Biertischgespräche als Vorbilder, die dem durchschnittlichen Deutschen am nächsten sind. Daher also schnell mal im Internet nach Lahm, Mertesacker, Schweinsteiger und Frings suchen und sich aufs Neue versichern, dass sie keinesfalls vom gesellschaftlichen Pfad der Tugend abweichen.
Es ist eine Krux. Die T-Shirts werden immer enger, ebenso die Anzüge und Hemden (Gibt es eigentlich noch Hemden, die nicht als „Slim-Line“ verkauft werden?). Alles wird modischer, geschmackvoller und somit schwuler. Das setzt den Einzelnen unter Druck, denn es wird fraglich, wie man(n) sich als Hetero von den Homos abgrenzen kann. Vielleicht betont maskulin auftreten, um alle Stereotypen zu umgehen? Tja, Schätzelein, in diesem Fall warst du wohl noch nie auf einem Christopher-Street-Day und hast die Teilnehmer beobachtet.
Unser Autor ist froh, sich nicht fragen zu müssen, wie er seine Homosexualität von der Heterosexualität abgrenzen kann. Und er wartet darauf, endlich Suchbegriffe zu seinem Namen vorgeschlagen zu bekommen.


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