Oktober 29, 2009

Die Kluft zwischen Kult und Kritik

Lesben und Schwule sind im öffentlichen Raum unserer Gesellschaft omnipräsent wie nie zuvor. Aus vereinzelten kleinen Protestbewegungen gegen Willkür und Diskriminierung entwickelte sich eine breite Emanzipationsbewegung zur Anerkennung der Bürgerrechte und einer selbstbestimmten Lebensweise. Inzwischen wird die sexuelle Freiheit in Fernsehsoaps, Kunst und Kultur, Politik, in der Wirtschaft und im Privatleben gleichermaßen proklamiert. Kaum eine andere gesellschaftliche Bewegung war innerhalb eines kurzen Zeitraums von nur 40 Jahren so erfolgreich. Doch ist Homosexualität wirklich in der gesellschaftlichen Mitte angekommen?

Die weltweit gefeierten Christopher-Street-Days und EuroPride-Paraden sind spektakuläre Großereignisse, die an der Spitze einer breiten und regenbogenfarbenen Palette stehen. Nebenbei gibt es Arbeitsgruppen zu Kirche und HomosexualitätVerbände lesbischer und schwuler Polizisten, Schwule und Lesben bei Daimler, Gruppen für schwule Väter und lesbische Mütter oder auch Interessenvertretungen für Homosexuelle bei der Bundeswehr. Für beinahe jedes Anliegen existieren regionale und überregionale Organisationen.

Neben der Wirtschaft, die den schwulen Mann als bestens gebildete, finanziell unabhängige und konsumfreudige Zielgruppe entdeckte, nahm sich auch die Politik den Belangen von Lesben und Schwulen an und führte die Homo-Ehe als gleichgestellte Institution zur traditionellen Ehe zwischen Mann und Frau ein. Der lesbisch-schwule Lifestyle hat nicht nur Anziehungskraft auf die Community, sondern veränderte auch das althergebrachte Rollenbild zwischen Mann und Frau. Es war plötzlich „In“, als heterosexueller Mann seine weiche „metrosexuelle“ Seite zeigen und ohne Ansehensverluste Kosmetik- und Pflegeprodukte einkaufen zu können.

Aber wie weit reicht die gesellschaftliche Integration von Lesben und Schwulen? Dem Autor Philipp Gut geht in seinem polemischen Essay „Der Kult um die Schwulen“ die „Homosexualisierung der Gegenwart“ beinahe zu weit. Schwule würden bestimmen, wie über sie zu sprechen und zu denken sei und wer sich kritisch äußere, müsse mit Konsequenzen rechnen. Das öffentliche Leben werde mit der Homosexualität gar penetriert.

„Es scheint ein irritierender Kult um die Schwulen entstanden zu sein, Homosexualität ist zu einer Art Religion geworden. Wer sich outet, wird zum leuchtenden Märtyrer einer bekennenden Kirche. Wer sich dem Kult widersetzt, den trifft der Bannstrahl. Wie in allen Glaubenssystemen gilt auch hier: Wer die Stirn runzelt, gehört nicht dazu.“ (Philipp Gut)

Jedoch scheint sich der Autor nicht in hinreichendem Maße mit der Lebenswirklichkeit von Lesben und Schwulen zu beschäftigen. Zwar existiert durchaus ein vielfältiges Angebot an aktiven Lobbygruppen, Institutionen und Bestrebungen zur Gleichstellung von Lesben und Schwulen. Dies gilt insbesondere in den Medien und im Web 2.0 – doch nicht nur jenseits der liberalen Ballungsräume und in ländlich geprägten Strukturen erfahren Homosexuelle weiterhin Gewalt und Unterdrückung. Jeder fünfte Bundesbürger empfindet Homosexualität als unmoralisch, jede Lesbe und jeder Schwule wird mehrmals im Jahr Opfer von Pöbeleien, Beleidigungen oder erfährt andere Arten psychischer oder physischer Einwirkungen.

Plötzlich ist das Leben und der eigene Umgang mit der Homosexualität keine „peinliche Propaganda für persönliche Vorlieben“ mehr (P. Gut), sondern ein Versuch des Bewahrens der eigenen Integrität und der Befreiung von aufgedrängten Ansichten über unmoralisches, verachtenswertes und krankhaftes Verhalten. Entgegen anderslautender Meinungen ist es auch in unserer aufgeklärten Gesellschaft bis heute noch nicht möglich, dass sich zwei Männer im öffentlichen Raum küssen oder Hand in Hand spazieren gehen, ohne abwertende und beleidigende Äußerungen hinnehmen zu müssen.

Was sind die Ursachen für homophobe Tendenzen? Sicherlich nicht das Engagement von Lesben und Schwulen am gesellschaftlichen Leben. Ulrich Dewald nennt in seinem Artikel über die Gründe für Homophobie insbesondere als Hauptfaktoren die Verdrängung eigener homosexueller Impulse, einen niedrigen Bildungsstand, prägende religiöse Kontexte, Neid und Ekelgefühle.

Warum dürfen also Männer und Frauen heiraten, während die Hochzeit zweier Männer oder zweier Frauen die traditionellen Werte und die Stabilität der Gesellschaft bedroht und ihre Küsse eine Gefahr für das Gemeinwesen darstellen? Weil zwar die Bürgerrechte und die Würde für uns alle gelten, doch zuvor erst noch hart erkämpft werden müssen – und zwar für jede Minderheit.

Bildquelle: (cc) William Hamon